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Cargo Cult in Softwarefirmen

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Wenn Scrum, DevOps und Arc42 eingeführt werden – ohne verstanden zu werden

Viele Organisationen glauben, sie hätten den entscheidenden Schritt gemacht: Scrum ist eingeführt, DevOps ist „implementiert“, und Architektur wird „nach Arc42 dokumentiert“. Auf dem Papier sieht alles nach moderner Softwareentwicklung aus. In der Realität hat sich oft nur die Oberfläche verändert.

Dieses Phänomen ist kein Zufall – es ist ein klassischer Cargo Cult.

Was ist Cargo Cult?

Der Begriff stammt aus der Anthropologie. Nach dem Zweiten Weltkrieg beobachteten indigene Kulturen auf Pazifikinseln, dass Flugzeuge mit wertvollen Gütern landeten. Nachdem das Militär wieder abzog, versuchten sie, die Rituale nachzuahmen: Landebahnen aus Holz, Funkgeräte aus Bambus, militärische Gesten. Die Annahme war simpel – wenn wir die Form kopieren, kommt auch das Ergebnis zurück.

Das Problem: Die zugrunde liegenden Systeme – Logistik, Industrie, Kommunikation – wurden nicht verstanden.

Cargo Cult in der Softwareentwicklung

Dieses Muster wiederholt sich heute in Unternehmen. Nur mit anderen Begriffen.

Scrum ohne Empirie

Daily Standups werden durchgeführt, aber ohne echten Informationsaustausch. Retrospektiven existieren, führen aber zu keinen Veränderungen. Sprints sind nur neue Namen für alte Wasserfallphasen.

Symptom: Meetings existieren – Lernen nicht.

DevOps ohne Verantwortung

CI/CD-Pipelines existieren. Deployments sind automatisiert. Monitoring ist vorhanden. Aber: Teams haben keine End-to-End-Verantwortung. Fehler werden weiterhin „weitergereicht“. Betrieb und Entwicklung sind kulturell getrennt.

Symptom: Tools sind modern – Ownership ist alt.

Architektur ohne Verständnis

Dokumente sind vollständig. Templates sind ausgefüllt. Diagramme existieren. Aber: Entscheidungen sind nicht nachvollziehbar. Modelle werden nicht gelebt. Architektur hat keinen Einfluss auf den Code.

Symptom: Dokumentation existiert – Architektur nicht.

Warum passiert das?

Form ist leichter als Inhalt

Es ist einfacher, ein Meeting einzuführen, ein Tool zu installieren oder ein Template auszufüllen – als Verantwortung neu zu verteilen, Feedbackschleifen zu etablieren und Entscheidungsstrukturen zu verändern.

Management sucht Sicherheit

Methoden wie Scrum oder DevOps werden oft als „Best Practices“ verkauft. Die implizite Erwartung: „Wenn wir das einführen, werden wir erfolgreich.“ Das führt zu einem gefährlichen Shortcut – Adoption ohne Verständnis.

Fehlende Systemperspektive

Die meisten dieser Konzepte sind Systemdesigns für Organisationen: Scrum ist ein empirisches Steuerungsmodell, DevOps ein sozio-technisches System, Architektur eine Entscheidungsstruktur. Wer nur die Artefakte sieht, verpasst den eigentlichen Zweck.

Die eigentliche Funktion dieser Konzepte

Um den Cargo Cult zu durchbrechen, muss man verstehen, was diese Ansätze wirklich tun sollen.

Scrum soll Unsicherheit reduzieren durch kurze Feedbackzyklen und Lernen systematisieren – nicht Meetings standardisieren.

DevOps soll Verantwortungsgrenzen auflösen und einen durchgängigen Feedback-Loop von Code bis Produktion schaffen – nicht Tools einführen.

Architektur (Arc42 als Beispiel) soll Entscheidungen explizit machen und Komplexität beherrschbar halten – nicht Dokumentation erzeugen.

Woran erkennt man echten Fortschritt?

Nicht an der Anzahl der Meetings, der Menge der Dokumentation oder der Anzahl der Tools. Sondern an:

Feedbackgeschwindigkeit – Wie schnell lernt das System aus Fehlern?

Fehlerlokalität – Wie einfach lässt sich ein Problem eingrenzen?

Entscheidungsqualität – Werden Entscheidungen nachvollziehbar und überprüfbar getroffen?

Ownership – Ist klar, wer Verantwortung trägt – Ende-zu-Ende?

Weniger Methodeneinführung, mehr Systemdenken

Der entscheidende Shift ist nicht „Welche Methode sollten wir einführen?“, sondern „Welches Problem versuchen wir eigentlich zu lösen?“

Das passt zu einem grundlegenden Prinzip moderner Produktentwicklung: Nicht die Methode erzeugt den Erfolg – sondern das Verständnis des Problems.

Fazit

Cargo Cult passiert nicht aus Dummheit. Er entsteht aus Zeitdruck, Unsicherheit und dem Wunsch nach schnellen Lösungen. Gerade deshalb ist er so gefährlich.

Die Lösung ist unbequem: Konzepte wirklich verstehen. Systeme ganzheitlich betrachten. Verantwortung neu denken.

Oder anders gesagt:

Wer nur die Form kopiert, optimiert die Illusion. Wer den Zweck versteht, verändert das System.


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