Einlagensicherung was fällt überhaupt in den Scope?
Zunächst eine begriffliche Abgrenzung, die in der Praxis oft übersehen wird: Regulatorisch spricht man von Einlagensicherung und meint damit Kontoguthaben also Sparkonten, Salaries, Festgelder. Depotwerte wie Aktien, Obligationen oder Fondsanteile sind Kundeneigentum und werden im Konkursfall aus der Masse abgesondert. Sie fallen also gar nicht in den Scope dieses Prozesses.
Der Fokus liegt auf den gesicherten Einlagen bis CHF 100’000 pro Einleger und Bank. Bei Gemeinschaftskonten oder komplexen Strukturen (Stiftungen, Vorsorgegelder) wird die korrekte Zuordnung schnell zur Herausforderung.
Gesetzlicher Rahmen: Das dreistufige Schutzsystem
Der Schweizer Einlegerschutz basiert auf einem dreistufigen System:
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- Sofortige Auszahlung privilegierter Einlagen, soweit bei der Bank Liquidität vorhanden ist.
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- Einlagensicherung via esisuisse: rasche Bevorschussung, wenn die Bankliquidität nicht ausreicht.
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- Konkursprivileg 2. Klasse bis CHF 100’000 im regulären Konkursverfahren.
Die Teilrevision des Bankengesetzes (AS 2022 732) hat die Frist für die Mittelbereitstellung durch esisuisse von 20 auf 7 Arbeitstage verkürzt. Der FINMA-Beauftragte bzw. Konkursliquidator muss danach die Einleger umgehend kontaktieren, Zahlungsinstruktionen einholen und nach deren Erhalt spätestens innert weiteren 7 Arbeitstagen auszahlen.
| Praxisrelevanz: Bei einer mittelgrossen Bank mit 50’000 Einlegern bedeutet das: Tausende Kontaktierungen, IBAN-Validierungen und Zahlungen alles unter extremem Zeitdruck und unter den Augen der FINMA. |
Warum Vorbereitung Pflicht ist
Die Bankenverordnung verpflichtet Institute explizit zu Vorbereitungshandlungen: IT-Systeme, Personal und standardisierte Abläufe müssen so aufgesetzt sein, dass im Krisenfall alles innert Frist läuft. Kern der Vorbereitung ist ein Masterfile beziehungsweise ein Single Customer View die Fähigkeit, sämtliche Kundenbeziehungen konsolidiert darzustellen, einschliesslich Gemeinschaftskonten, Sicherungsrechten und Verrechnungspositionen.
Genau hier setzt unser CIB Flow-Use-Case an: Wir automatisieren nicht nur den eigentlichen Auszahlungsprozess, sondern den gesamten Lifecycle von der Datenextraktion über die Kommunikation bis hin zum auditierbaren Evidence Pack.
Marktsituation: Kein Standard-Produkt in Sicht
Einen fertigen «Deposit Insurance Processor» als Standardprodukt für den Schweizer Markt gibt es schlicht nicht. Was es gibt, sind Einzelbausteine:
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- OCR/IDP (Intelligent Document Processing): ABBYY, Tungsten/Kofax, UiPath, Azure Document Intelligence
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- BPM/Case Management: Camunda, Flowable, Appian, Pega, IBM
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- Avaloq-nahe Lösungen: Relutions AG (haben Deposit Guarantee Scheme als Erfahrungsfeld)
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- RegTech: IRIS (DIS-Plattform, primär Reporting-Fokus)
Das Differenzierungspotenzial ist erheblich: Ein BPMN-Blueprint, der Avaloq-Extraktion, IDP/OCR, Payment-Integration und Omnichannel-Messaging in einem durchgängigen Workflow vereint, wäre ein klarer Produktansatz – und genau das bieten wir.
Der CIB Flow Prozess im Detail
Der End-to-End-Prozess bildet die gesamte Prozesskette ab, von der Krisenmeldung bis zum Abschlussbericht. Die nachfolgende Beschreibung orientiert sich am BPMN-Diagramm, das wir als Blueprint für Umsetzungsprojekte verwenden.
Phase 1: Auslöser und Datenbereitstellung
Der Prozess startet mit der FINMA-Verfügung (Schutzmassnahme oder Konkursverfügung). CIB Flow triggert automatisch den Masterfile-Extrakt aus dem Core-Banking-System – in den meisten Schweizer Banken Avaloq. Dabei werden alle relevanten Positionen pro Einleger konsolidiert:
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- Kontoguthaben (Spar-, Lohn-, Festgeldkonten)
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- Gemeinsame Konten (anteilige Zuordnung)
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- Sicherungsrechte und Verrechnungspositionen
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- Privilegierte Einlagen gemäss BankG Art. 37a
Das Ergebnis ist der Single Customer View mit dem exakten Auszahlungsbetrag pro Einleger, gedeckelt auf CHF 100’000.
Phase 2: Omnichannel-Kontaktierung
CIB Flow prüft die verfügbaren Kontaktdaten und wählt den optimalen Kanal:
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- Digitaler Pfad: E-Mail und SMS mit Secure-Link zur Online-Instruktionseingabe
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- Postalischer Pfad: Brief mit QR-Code, der auf dasselbe Online-Formular führt
Dieser duale Ansatz maximiert die Erreichbarkeit und stellt sicher, dass auch Kundinnen und Kunden ohne hinterlegte E-Mail-Adresse zeitnah informiert werden. CIB Flow trackt automatisch, welche Einleger reagiert haben, und eskaliert bei Nicht-Reaktion.
Phase 3: Instruktion und Validierung
Die Einleger erfassen ihre Ziel-IBAN über das Online-Formular (oder per Rückantwortformular). CIB Flow übernimmt die automatische Validierung:
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- IBAN-Prüfziffer und Formatvalidierung
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- Sanctions-Screening (Compliance-Check)
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- Duplikat-Check (mehrere Instruktionen desselben Einlegers)
Bei ungültiger IBAN wird automatisch eine Rückfrage an den Einleger ausgelöst – der Prozess springt zurück in die Instruktionsphase, bis eine gültige IBAN vorliegt.
Phase 4: Zahlung und Reconciliation
Validierte Instruktionen werden zu einem Sammelzahlungslauf zusammengefasst und via SIC (Swiss Interbank Clearing) bzw. euroSIC ausgeführt. Anschliessend folgt die automatische Reconciliation: Soll-Ist-Abgleich, Identifikation von Fehlzahlungen und Rückläufern.
Phase 5: Evidence Pack und Reporting
Im letzten Schritt generiert CIB Flow ein revisionssicheres Evidence Pack: sämtliche Prozess-Logs, Zahlungsbelege, Timestamps und Kommunikationsnachweise in einem strukturierten Dossier. Dieses dient als Grundlage für das Abschlussreporting an die FINMA und esisuisse.
Hauptrisiken und wie wir ihnen begegnen
| Risiko | Mitigation durch CIB Flow |
| Datenqualität | Automatisierte Plausibilitätsprüfungen beim Masterfile-Import; Regelbasierte Zuordnung gemeinsamer Konten |
| Kontaktierbarkeit | Omnichannel-Strategie mit Eskalationslogik (E-Mail → SMS → Brief → manuelle Nachbearbeitung) |
| Peak Load | Cloud-native Architektur auf OpenShift/ARO; horizontale Skalierung im Krisenfall |
| Security / Insider Risk | Role-Based Access, 4-Augen-Prinzip bei Zahlungsfreigabe, vollständiger Audit Trail |
| Zeitdruck (7-Tage-Frist) | SLA-Monitoring mit Echtzeit-Dashboard; automatische Eskalation bei Fristrisiko |
Fazit: Vorbereitung ist keine Option sondern Pflicht
Die verschärften Fristen der Bankengesetzrevision und die explizite Pflicht zu Vorbereitungshandlungen machen eines klar: Wer den Einlagensicherungsprozess nicht end-to-end automatisiert hat, riskiert im Krisenfall nicht nur Fristverstösse, sondern auch Reputationsschäden und regulatorische Konsequenzen.
Mit CIB Flow als BPMN-basierter Workflow-Engine, tief integriert mit Avaloq und den relevanten Zahlungssystemen, bietet ONLU einen Ansatz, der über Einzelbausteine hinausgeht: ein durchgängiger, auditierbarer Prozess von der Krisenmeldung bis zum Evidence Pack.
Interessiert? Wir zeigen Ihnen gerne in einer Demo, wie der Prozess in CIB Flow aussieht oder starten direkt mit einer Analysephase für Ihre Bank.
ONLU AG
Prozessautomation & Cloud Solutions im Financial Services